Ernährung

Katzenfutter-Deklaration lesen lernen


Katzenfutter-Deklaration lesen lernen

Eine Futterdose ist eine verschlüsselte Botschaft. Vorne leuchten Marketingbegriffe – "artgerecht", "natürlich", "mit saftigem Huhn". Hinten steht das, worauf es wirklich ankommt. Doch das ist so geschrieben, dass es fast niemand beim ersten Blick versteht.

"Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (4 % Huhn)" – was heißt das konkret? Ist das gut, schlecht, Durchschnitt? Warum steht "4 %" in Klammern, wenn die Dose so tut, als wäre sie voller Huhn?

Nach diesem Artikel weißt Du es. Du wirst jede Katzenfutter-Dose in unter einer Minute richtig einordnen können. Lass uns anfangen.


Was auf einer Katzenfutterdose stehen muss

In der EU ist die Kennzeichnung von Katzenfutter per Verordnung geregelt (EG 767/2009). Jeder Hersteller muss bestimmte Informationen angeben. Die wichtigsten sind:

  1. Produktbezeichnung ("Alleinfuttermittel für Katzen" oder "Ergänzungsfuttermittel")
  2. Zusammensetzung – die Zutatenliste
  3. Analytische Bestandteile – die Nährwerte
  4. Zusatzstoffe – Vitamine und weitere Zusätze
  5. Fütterungsempfehlung – Menge pro kg Körpergewicht
  6. Mindesthaltbarkeitsdatum
  7. Hersteller-Angaben

Für eine gute Bewertung ist vor allem die Zusammensetzung wichtig – und die ist gleichzeitig der Abschnitt, bei dem Hersteller am meisten tricksen können.


Die erste entscheidende Frage: Alleinfutter oder Ergänzungsfutter?

Ganz oben auf jeder Dose steht die Produktkategorie. Das ist wichtiger, als viele denken.

Alleinfuttermittel

Wenn "Alleinfuttermittel für Katzen" auf der Dose steht, bedeutet das: Das Futter deckt vollständig den täglichen Nährstoffbedarf einer Katze. Es kann als einzige Nahrungsquelle dienen.

Die meisten hochwertigen Nassfutter sind Alleinfuttermittel. Wenn Du Deiner Katze einmal täglich dasselbe Alleinfuttermittel gibst, ist sie ausreichend versorgt.

Ergänzungsfuttermittel

"Ergänzungsfuttermittel" ist etwas anderes. Das sind zum Beispiel Leckerlis, Einzelsorten (pures Muskelfleisch), bestimmte Pasteten. Sie enthalten nicht alle notwendigen Nährstoffe und dürfen nur in Kombination mit anderem Futter gegeben werden.

Warum das wichtig ist: Manche Halter kaufen im Fachhandel zum Beispiel hochwertige Huhn-Pur-Dosen und denken, das sei das beste Futter. In Wahrheit fehlen in diesen Dosen oft essenzielle Zusätze wie Taurin. Über Wochen gefüttert kann das zur Unterversorgung führen.

Faustregel: Wenn "Ergänzungsfuttermittel" auf der Dose steht, darf das Futter nicht die einzige Nahrungsquelle sein. Lies dann immer die Fütterungsempfehlung – dort steht, wie es kombiniert werden sollte.


Die Zusammensetzung verstehen – der wichtigste Teil

Die Zusammensetzung listet alle Zutaten in absteigender Reihenfolge nach Gewichtsanteil. Das bedeutet: Was vorne steht, ist mengenmäßig am meisten enthalten.

Das klingt einfach. Die Realität: Hersteller verstecken hier systematisch Informationen. Es gibt zwei grundlegend unterschiedliche Arten, wie die Zusammensetzung angegeben werden kann – und der Unterschied ist riesig.

Die geschlossene Deklaration (das Warnsignal)

Beispiel eines Futters mit geschlossener Deklaration:

Zusammensetzung: Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (mit Huhn 4 %), Mineralstoffe, pflanzliche Nebenerzeugnisse.

Das ist kaum Information. Du weißt:

  • Irgendwelches Fleisch und irgendwelche Nebenprodukte sind drin
  • Mindestens 4 % davon ist Huhn
  • Es gibt Mineralstoffzusätze
  • Irgendwelche Pflanzenteile sind auch drin

Du weißt nicht:

  • Wie hoch der Gesamt-Fleischanteil ist
  • Welche anderen Tierarten verwendet wurden (Schwein? Rind? Geflügel-Mix?)
  • Was die "Nebenerzeugnisse" konkret sind (Muskelfleisch? Innereien? Fellreste?)
  • Welche Pflanzen und in welchem Anteil

Die geschlossene Deklaration ist legal. Sie ist aber in der Praxis eine freie Lizenz zur Rezepturanpassung. Der Hersteller kann zwischen Chargen variieren, was er verwendet – je nachdem, was gerade günstig am Markt zu haben ist.

Die offene Deklaration (das Qualitätsmerkmal)

Beispiel eines Futters mit offener Deklaration:

Zusammensetzung: Huhn 62 % (Muskelfleisch 45 %, Herz 10 %, Leber 7 %), Hühnerbrühe 33 %, Karotten 2 %, Lachsöl 1 %, Mineralstoffe 0,5 %, Vitamine 0,5 %, Taurin 0,1 %.

Jetzt weißt Du sehr genau, was drin ist. Du kannst beurteilen:

  • Hoher Fleischanteil? (62 %)
  • Qualitätsfleisch? (hauptsächlich Muskelfleisch)
  • Innereien mit Maß? (Herz und Leber in angemessenen Mengen)
  • Wenig Pflanzliches? (nur 2 % Karotten)
  • Wichtige Zusätze? (Lachsöl, Taurin)

Eine offene Deklaration ist fast immer ein Zeichen für einen Hersteller, der nichts zu verbergen hat. Eine geschlossene Deklaration ist fast immer ein Zeichen dafür, dass der Hersteller etwas zu verbergen hat – zum Beispiel minderwertige Nebenerzeugnisse oder wechselnde Zusammensetzungen.


Die 4-Prozent-Regel – der größte Legal-Trick der Branche

Das ist der Punkt, an dem bei mir die Laune meistens kippt.

Wenn auf einer Dose "mit Huhn" steht, müssen laut EU-Recht nur 4 Prozent Huhn enthalten sein. Vier Prozent.

Nicht 40 Prozent. Nicht 14 Prozent. Vier.

Die komplette Staffelung nach EU-Labeling-Regeln:

Aufschrift Mindestanteil der genannten Zutat
"Mit Huhn" / "mit Rind" mindestens 4 %
"Reich an Huhn" / "Mit extra Huhn" mindestens 14 %
"Huhn-Menü" / "Huhn" (als einzige Fleischsorte in der Bezeichnung) mindestens 26 %
"Alles Huhn" / "100 % Huhn" nur Huhn, keine andere Fleischsorte

Das heißt praktisch:

  • Eine Dose "Felix mit Huhn" kann 96 % aus anderen Zutaten bestehen, solange 4 % Huhn drin sind.
  • Auf dem Etikett prangt ein Hühnchenbild. In der Dose können Schwein, Rind und Pute dominieren.
  • Das ist legal. Stiftung Warentest hat 2020 explizit festgestellt, dass diese 4 % in den getesteten Sorten auch eingehalten wurden. Sie haben es aber nicht als Mangel gewertet.

Mein persönliches Urteil dazu: Was soll das?! Wenn 96 % der Dose nicht Huhn sind, warum darf das Tier abgebildet sein? Das ist Marketing auf Kosten von Transparenz. Und das wichtigste Instrument dagegen ist: Die Zutatenliste lesen.


Was verbirgt sich hinter "tierischen Nebenerzeugnissen"?

Die Formulierung "tierische Nebenerzeugnisse" klingt furchterregend. In der Realität ist es differenzierter.

Nach EU-Recht dürfen in Katzenfutter nur Nebenerzeugnisse der Kategorie 3 verwendet werden. Das sind:

Zulässig in Katzenfutter (Kategorie 3):

  • Teile geschlachteter Tiere, die für den Menschen geeignet, aber aus handelsüblichen Gründen nicht verwendet werden
  • Blut von für den Menschen geeigneten Tieren
  • Fettgewebe
  • Eiernebenprodukte
  • Eintagsküken (männliche Legehuhn-Küken)
  • Bestimmte Speiseabfälle aus der Lebensmittelindustrie
  • Geflügelköpfe, -hälse, -füße
  • Hufe, Hörner, Haare, Federn

Nicht zulässig in Katzenfutter (Kategorien 1 und 2):

  • Klärschlamm
  • Urin und Mageninhalt
  • Föten
  • Eizellen und Samen
  • Körper verendeter Tiere, die nicht geschlachtet wurden
  • Tiere mit Krankheiten
  • Schädlingsbekämpfungsmittelrückstände

Das ist zunächst beruhigend. Was nicht reingehört, darf auch nicht rein. Aber der Ermessensspielraum innerhalb der Kategorie 3 ist enorm.

Der Unterschied zwischen guten und schlechten Nebenerzeugnissen:

  • Gute Nebenerzeugnisse: Herz, Leber, Nieren, Lunge – also Innereien, die für Katzen ernährungsphysiologisch hochwertig sind. Eine Katze würde in freier Natur genau diese Organe bevorzugt fressen.
  • Schlechte Nebenerzeugnisse: Hufe, Horn, Federn, Krallen – also Bindegewebe und Strukturreste, die kaum verdaulich sind und wenig Nährwert haben.

Das Problem bei geschlossener Deklaration: Du kannst beides nicht unterscheiden. "Tierische Nebenerzeugnisse" kann alles sein.


Die analytischen Bestandteile richtig einordnen

Neben der Zusammensetzung stehen die analytischen Bestandteile auf jeder Dose. Das sind die Nährwerte.

Ein typisches Beispiel für ein gutes Nassfutter:

Rohprotein: 10,5 % Rohfett: 6,5 % Rohfaser: 0,4 % Rohasche: 2,0 % Feuchtigkeit: 78 %

Was diese Werte bedeuten

Rohprotein: Der Gesamt-Eiweißgehalt. Bei einem guten Nassfutter sollte er zwischen 10 und 12 Prozent liegen.

Rohfett: Gesamt-Fettgehalt. Ideal sind 5 bis 8 Prozent.

Rohfaser: Unverdauliche Pflanzenfasern. Sollte möglichst niedrig sein – unter 1 Prozent.

Rohasche: Nicht wie der Name suggeriert "Verbranntes", sondern der Mineralstoff-Anteil (was bei chemischer Verbrennung als "Asche" übrigbleibt). 1,5 bis 2,5 Prozent sind ideal. Deutlich mehr weist auf zu hohe Mineralstoffzugabe hin.

Feuchtigkeit: Wassergehalt. Bei gutem Nassfutter zwischen 70 und 82 Prozent.

Die Berechnung des Kohlenhydrat-Anteils

Die EU-Pflichtangaben enthalten keinen Kohlenhydrat-Wert. Du kannst ihn aber selbst berechnen:

100 % – Protein – Fett – Asche – Feuchtigkeit = Kohlenhydrate (und sonstiges)

Bei unserem Beispiel oben:

100 – 10,5 – 6,5 – 2,0 – 78 = 3 % Kohlenhydrate

Das ist ein guter Wert. Bei einem schlechten Futter mit vielen Füllstoffen (Getreide) kann der Wert bei 10 % oder mehr liegen.

Calcium-Phosphor-Verhältnis

Gute Deklarationen geben Calcium und Phosphor separat an. Wichtig ist das Verhältnis: ideal ist 1,1: 1 bis 1,3: 1 (also etwas mehr Calcium als Phosphor).

Zu viel Phosphor gilt als Risikofaktor für Nierenschäden. ÖKO-TEST hat 2023 genau deshalb mehrere Produkte abgewertet.


Zusatzstoffe entschlüsseln

Unter dem Punkt "Zusatzstoffe" (oder "ernährungsphysiologische Zusatzstoffe") stehen:

  • Vitamine (A, D, E und andere)
  • Mineralstoffe (Zink, Mangan, Eisen, Kupfer, Selen, Jod)
  • Aminosäuren (besonders Taurin)

Was Du prüfen solltest:

Ist Taurin dabei? Katzen können Taurin nicht selbst bilden. Ein Alleinfuttermittel muss Taurin enthalten. Der Wert sollte bei etwa 1.500–2.000 mg pro kg Futter liegen.

Sind "technologische Zusatzstoffe" erwähnt? Das sind Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Verdickungsmittel. Gute Futter haben hier wenig bis nichts. Problematische Zusätze, die Du meiden solltest:

  • BHA / BHT (Butylhydroxyanisol / Butylhydroxytoluol) – synthetische Antioxidationsmittel
  • Ethoxyquin – ebenfalls Antioxidans, in Katzenfutter umstritten
  • Natrium-Benzoat / Kalium-Sorbat – Konservierungsstoffe
  • Künstliche Farbstoffe (E-Nummern)

Aromastoffe: Häufig vage als "natürliche Aromen" bezeichnet. Bei guten Herstellern nicht nötig – ein Futter mit echtem Fleisch schmeckt von selbst gut.


Zucker in verschiedenen Tarnnamen

Zucker hat in Katzenfutter nichts zu suchen. Katzen können Süßes gar nicht schmecken, Zucker schadet den Zähnen, und bei Diabetikern ist er ein Risiko. Trotzdem wird er manchmal zugesetzt, vor allem um die Bräunung der Soße zu verstärken oder als "Konsistenz-Verbesserer".

Tarnbegriffe für Zucker auf der Zutatenliste:

  • Zucker (klar)
  • Karamell
  • Rübenmelasse
  • Inulin
  • Apfelextrakt (enthält Fruktose)
  • Traubenzucker
  • Saccharose
  • Glukose-Sirup

Wenn einer dieser Begriffe auftaucht: Abwertung in meiner Bewertung.


In 60 Sekunden eine Dose bewerten: Die Schnell-Checkliste

So kannst Du in unter einer Minute jedes Katzenfutter einordnen:

1. Alleinfutter oder Ergänzungsfutter? (Auf der Vorderseite oben.)

2. Offene oder geschlossene Deklaration? Wenn "Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse" ohne weitere Aufschlüsselung steht: Warnsignal.

3. Erste Zutat: Echtes, benanntes Fleisch (z.B. "Huhn 62 %") oder undefinierte Masse?

4. Fleischanteil gesamt: Bei Nassfutter idealerweise über 70 %. Steht das überhaupt auf der Dose?

5. Zuckersuche: Ist einer der Tarnbegriffe dabei?

6. Getreidecheck: Weizen, Mais, Reis, Soja – kommt das vor? Und wie hoch im Anteil?

7. Taurin und wichtige Vitamine: Sind sie in den Zusatzstoffen deklariert?

8. Analytische Bestandteile: Protein 10–12 %? Feuchtigkeit über 70 %? Rohasche unter 2,5 %?

Wenn alle acht Punkte grün sind, hast Du wahrscheinlich ein gutes Futter vor Dir. Wenn bei drei oder mehr Punkten Warnsignale aufleuchten, solltest Du die Dose zurückstellen.


Was das Etikett nicht verrät

Zum Schluss eine ehrliche Einordnung. Selbst die beste Zutatenliste sagt Dir nicht alles:

Herkunft der Rohstoffe. Eine Dose kann "Huhn 62 %" deklarieren und das Huhn kann aus Massentierhaltung in Osteuropa stammen – oder aus Freilandhaltung in Deutschland. Die Qualität der Rohstoffe geht aus dem Etikett nur selten hervor.

Produktionsprozess. Extrusion, Sterilisation, Kaltabfüllung – all das beeinflusst die Nährstoffqualität. Steht auf dem Etikett aber fast nie.

Chargenvariation. Auch bei offener Deklaration können Produktionen von Charge zu Charge leicht schwanken. Bei geschlossener Deklaration sogar deutlich.

Deshalb lohnt es sich, Hersteller zu wählen, die aktiv kommunizieren: Woher sie ihre Rohstoffe beziehen, wie sie produzieren, wie sie mit Qualitätskontrollen umgehen. Das ist oft aussagekräftiger als jede Zutatenliste.


Weiterführende Artikel

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  • [Meine Testberichte] – konkrete Marken-Analysen mit dieser Methodik
  • [Nassfutter vs. Trockenfutter] – was ist besser?

Quellen

  • EU-Verordnung Nr. 767/2009 über das Inverkehrbringen und die Verwendung von Futtermitteln
  • VO (EG) Nr. 1069/2009 über Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische Nebenprodukte
  • FEDIAF Code of Good Labelling Practice for Pet Food (aktuelle Ausgabe)
  • Bundesverband für Tiergesundheit e.V.

Artikel-Stand: April 2026. Die EU-Kennzeichnungsregeln werden regelmäßig überarbeitet – dieser Artikel wird bei Änderungen aktualisiert.